Mit Etiketten Politik machen – und den Teller vergessen.

Warum der Streit ums vegane Schnitzel kein Verbraucherschutz ist. Sondern Lobbyismus mit Besteck.

Mittag. Kühlregal. Ich bin leicht unterzuckert. Da liegt es: ein veganes Schnitzel. Daneben Plant-Based Steak, Tofu-Bratwurst, Veggie-Nuggets.

Und irgendwo in Brüssel werden ernsthaft Pläne geschmiedet, solche Namen zu verbieten.

Es klingt nach Satire. Es ist bitterer Ernst.


Was da wirklich passiert

Begriffe wie Schnitzel, Steak oder Wurst sollen künftig ausschließlich für Produkte aus Tierhaltung reserviert werden. Tofu dürfte dann nicht mehr Wurst heißen, Seitan nicht mehr Steak. Wer „vegane Bratwurst" aufs Etikett druckt, begeht ein sprachliches Vergehen.

Offiziell heißt das: Verbraucherschutz. Vor Verwechslung. Mit Worten.

Als ob jemand ein veganes Schnitzel kauft – mit dem Aufdruck „vegan", in der veganen Kühlregalzone, für den doppelten Preis – und sich anschließend wundert, dass kein Schwein darin steckt. Wer das glaubt, unterschätzt den Verbraucher. Und überschätzt die eigene Argumentation.

Die eigentliche Wahrheit: Es geht um Revier

Hinter dem Vorhang des Verbraucherschutzes steckt etwas anderes.

Immer wenn pflanzliche Alternativen Marktanteile gewinnen, tauchen in Brüssel Vorstöße auf, ihre Sprache einzuschränken. Das ist kein Zufall. Wer dieselben Worte benutzt, bewegt sich auf demselben Spielfeld. Und das irritiert eine Branche, die ihr Spielfeld für sich gepachtet glaubte.

Das Monopol, das sie verliert, ist nicht sprachlich. Es ist emotional. Schnitzel ist nicht nur ein Wort. Es ist Kindheit, Sonntag, Geruch, Erinnerung. Wer diese Schublade öffnet – auch mit Soja – betritt fremdes Territorium.

Das ist der eigentliche Skandal: Sprachpolitik als Wirtschaftsschutz. Verpackt als Fürsorge für den Bürger.


Ablenkung auf höchstem Niveau

Während Europa über Tierwohl, Klimaziele und explodierende Lebensmittelpreise diskutiert, feilt man in Brüssel an Etiketten. Das ist beinahe poetisch, wenn man Tragikomik mag.

Frankreich hat genau das bereits versucht. 2020 wurde ein Gesetz beschlossen, das pflanzlichen Produkten Fleischbegriffe verbieten sollte. Es wurde vom Staatsrat gekippt. Die Idee blieb. Wie ein beharrlicher Schatten aus dem Verwaltungsarchiv.

Sprache lässt sich nicht einfrieren. Sie wächst, wandert, passt sich an. Das Wort „Maus" bezeichnet heute ein Tier, ein Computerzubehör und eine Figur in Kindergeschichten. Niemand bricht daran zusammen.

Das Schnitzel war nie heilig. Es war immer ein Prinzip: etwas Flaches, Paniertes, Bratbares. Wenn das heute aus Soja besteht, ist das kein Kulturverfall. Sondern eine Variante von Fortschritt mit Panade.


Was wirklich auf dem Spiel steht

Nicht das Wort Schnitzel ist bedroht.

Bedroht ist der Respekt vor Lebensmitteln – ganz gleich ob Tier oder Pflanze. Bedroht ist eine Ernährungspolitik, die sich um Herkunft, Arbeit, Tierwohl und Ressourcen kümmert, statt um Etymologie.

Wer glaubt, sprachliche Exklusivrechte würden eine Esskultur retten, sollte einen Tag in einer Großküche verbringen. Dort geht es um Temperatur, Hygiene, Geschmack. Niemand fragt, wie das Wort entstanden ist. Man fragt, ob es gut schmeckt. Und ob jemand dafür fair bezahlt wurde.

Ein Sojafilet bleibt Soja. Ein Schweineschnitzel bleibt Schwein. Wer das nicht unterscheiden kann, braucht keine neue Etikettenordnung. Er braucht eine Brille.


Schluss: Pfanne auf den Herd

Dieser Streit ist ein Symptom. Eine Branche verteidigt ihr Revier. Politik sucht Profil. Und der Verbraucher steht im Kühlregal und schüttelt den Kopf.

Das Schnitzel verliert seinen Wert nicht, weil Tofu so heißen darf. Es verliert ihn, wenn aus einem Alltagswort eine starre ideologische Grenze wird.

Vielleicht sollte man in Brüssel einfach eine Pfanne auf den Herd stellen. Etwas Öl hinein, Soja links, Schwein rechts. Dann zuhören, wie es zischt.

Dort findet der einzige Dialog statt, der in dieser Frage wirklich Sinn ergibt.





Hintergrund: Der EU-Vorschlag zur Einschränkung von Fleischbegriffen für pflanzliche Produkte wurde im Rahmen der Reform der EU-Agrarmarktordnung diskutiert. Frankreichs nationales Verbot (Dekret 2022) wurde vom Staatsrat im Jahr 2022 teilweise gekippt. Die Debatte wird von Agrarverbänden und der Lebensmittelwirtschaft aktiv begleitet.