Tisch reserviert, Respekt storniert.

Warum No-Shows kein Kavaliersdelikt sind.

Neunzehn Uhr dreißig, Freitagabend. Der Tisch ist gedeckt, das Licht gedimmt, in der Küche zischt der Dampf. Vier Gedecke, sauber ausgerichtet.

Dann passiert nichts.

Kein Anruf. Kein „Sorry, wir schaffen es nicht." Nur das Ticken der Küchenuhr und der Kellner, der die Gläser wieder abdeckt.

Ein leerer Tisch ist kein leerer Moment. Er ist Verlust aus Porzellan.


Warum wir No-Shows als Kavaliersdelikt behandeln

Es gibt eine einfache Antwort: weil es keine Konsequenzen gibt.

Wir leben in einer Zeit, in der sich alles per App buchen, verschieben und wieder wegwischen lässt. Ein Restauranttisch ist heute so leicht reserviert wie eine Playlist. Und genauso leicht vergessen. Die Digitalisierung hat Verbindlichkeit durch Bequemlichkeit ersetzt. Was früher ein Anruf war – ein bewusster Akt, bei dem man eine Stimme hörte und sich erklären musste – ist heute ein Tippen mit dem Daumen. Und was mit dem Daumen kommt, geht mit dem Daumen wieder.

Das ist keine Bosheit. Es ist Gewöhnung. Aber Gewöhnung hat Konsequenzen – auch wenn wir sie nicht sehen.


Was wirklich auf dem Spiel steht

Laut DEHOGA bleiben in vielen Betrieben fünf bis zwanzig Prozent der Reservierungen ungenutzt. In Großstädten oft mehr.

Rechne das durch: Fünfzig Sitzplätze, fünfundvierzig Euro pro Gast. Zehn No-Shows an einem Freitagabend – das sind 450 Euro Verlust. An einem Abend. Auf ein Jahr hochgerechnet, bei zwei solchen Abenden pro Woche: über 45.000 Euro. Nicht Gewinn, der ausbleibt. Sondern Kosten, die trotzdem da sind. Strom, Personal, Mise en Place. Die Küche arbeitet voraus. Zutaten sind eingekauft, Wein ist geöffnet, Brot ist gebacken.

Wenn Gäste fehlen, bleibt der Aufwand. Nur der Respekt fehlt.

Und das in einer Branche, die ohnehin auf dünner Flamme kocht. Der reale Umsatz im Berliner Gastgewerbe ist zuletzt um 4,4 Prozent zurückgegangen. Personalmangel. Hohe Energiepreise. Überbordende Bürokratie. No-Shows sind kein einzelner Tropfen. Sie sind Teil eines Sturms.


Was es mit Menschen macht

Nichterscheinen kostet nicht nur Geld. Es nagt am Vertrauen.

„Wir decken für Menschen, die gar nicht kommen", sagte mir ein Wirt in Bremen. „Irgendwann sieht man die Stühle mit Misstrauen."

Misstrauen ist ansteckend. Es macht aus Gastgebern Verwalter. Aus Willkommen wird Kontrolle. Wer zu oft für Leere kocht, verliert die Lust, sich zu öffnen. Und das ist der eigentliche Schaden – nicht der entgangene Umsatz, sondern die Haltung, die stirbt. Die Freude am Handwerk. Das Vertrauen in den Gast. Die Überzeugung, dass sich der Aufwand lohnt.

Eine Küche, die das verloren hat, ist keine Küche mehr. Sie ist ein Betrieb.


Was andere längst verstanden haben

In London, Kopenhagen und Melbourne gehören Anzahlungen seit Jahren zum Standard. In Paris wird beim Buchen die Karte hinterlegt, in New York kann der volle Menüpreis fällig werden. Nur hierzulande diskutieren wir noch, ob das gastfreundlich sei.

Sobald ein Betrieb sich schützt – Kreditkartengarantie, Gebühr bei Nichterscheinen – wird er schnell zum Feindbild. „Wie unverschämt, ich zahle doch nicht für nichts."

Doch das Restaurant zahlt jeden Abend für alles. Nur nennt es niemand so.

Dabei ist die Rechtslage klar: Gebühren sind zulässig, wenn sie vorab vereinbart und angemessen sind. Ein faires Modell wäre: bis 24 Stunden vorher kostenfrei stornieren, danach gestaffelte Gebühren bis zum vollen Betrag. Das ist kein Strafzettel. Es ist ein Sicherheitsgurt für eine Branche im Schleudergang.

Banken verlangen Gebühren. Fluggesellschaften erstatten keinen Cent bei Nichterscheinen. Von Gastronomen hingegen erwartet man, sie sollen das mit einem Lächeln schlucken. Warum eigentlich?


Was wir beim Reservieren wirklich sagen

Wer einen Tisch reserviert, trifft eine Entscheidung. Keine große. Aber eine echte.

Er sagt: Ich komme. Ich respektiere deine Zeit, deine Arbeit, dein Handwerk. Und wenn etwas dazwischenkommt – ein Anruf. Zwei Minuten Höflichkeit. Mehr verlangt niemand.

Reservieren heißt nicht „mal schauen". Es heißt: Ich halte, was ich verspreche.

Vielleicht ist das das schönste Kompliment an jede Küche – kein Satz, sondern eine Tat: erscheinen. Nicht für ein Foto, nicht für den Algorithmus. Sondern für den Moment, für das Handwerk, für die Menschen, die ihn tragen.


Schluss: Eine Frage der Haltung

Gastfreundschaft beruht auf Gegenseitigkeit. Sie ist kein einseitiges Versprechen des Wirtes. Sie ist ein stiller Vertrag – zwischen zwei Menschen, die sich auf einen Abend einlassen.

Wer diesen Vertrag mit dem Daumen wegwischt, storniert mehr als einen Tisch.

Er storniert Vertrauen. Handwerk. Und ein Stück von dem, was Essen mehr macht als Konsum.


Datenstand: November 2025. Quellen: DEHOGA 2024, Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, § 312g Abs. 2 Nr. 9 BGB.