Warum in der Gastronomie das Licht oft wichtiger ist als die Jus
DIE FOOD-BLOGGER-HÖLLE

Früher gab es in der Profiküche eine einfache Regel: Sobald der Teller den Pass verlässt, beginnt der Wettlauf gegen die Zeit. Die Hitze schwindet, die Sauce zieht Haut, das Fleisch ruht – aber es darf nicht sterben. Heute wird dieser Wettlauf nicht mehr am Tisch gewonnen. Er wird im Porträtmodus verloren.
Ich stehe in meiner Küche und beobachte, was dann passiert. Da servieren wir einen Teller, für den wir alles gegeben haben: Die Jus hat eine dreitägige Reduktion hinter sich, der Fisch ist auf den Punkt glasig. Und was passiert? Der Gast greift nicht zur Gabel. Er greift zum Smartphone.
Minuten vergehen. Der Teller wird gedreht, das Licht korrigiert, die Serviette drapiert. Wenn der erste Bissen endlich den Mund erreicht, ist die Sauce lauwarm. Aber das Foto ist gespeichert. Für den Gast war das Essen in diesem Moment schon vorbei, bevor es begann.
Das Paradox der Instagrammable Kitchen
Ich will ehrlich sein: Wir Köche tragen Mitverantwortung. Wir haben gelernt, für die Kamera anzurichten. Essbare Blüten, die geschmacklich so viel beitragen wie Dekoration auf einem Schaufenster. Geometrisch platzierte Tupfen. Höhe auf dem Teller, die beim ersten Windhauch zusammenbricht. Wir haben diese Ästhetik mitgezogen, weil wir wussten: Was nicht fotografiert wird, existiert im Netz nicht.
Das Ergebnis ist ein stilles Paradox. Der Teller sieht aus wie ein Kunstwerk – und schmeckt nach nichts Besonderem, weil alle Energie in das Bild geflossen ist, nicht in den Geschmack. Wir haben angefangen, für einen Algorithmus zu kochen, der keinen Gaumen hat.
Dabei liegt die eigentliche Magie genau dort, wo keine Kamera hinkommt: im Dampf, der aufsteigt, wenn der Teller den Tisch erreicht. Im ersten Bissen, der alles erklärt. In einer Jus, die nach drei Tagen Arbeit schmeckt – nicht nach einem Filter.
Die Machtverschiebung in der Kritik
Das bringt mich zu einem unbequemen Punkt. Die Stimmen, die heute über den Ruf eines Restaurants entscheiden, haben sich verändert. Nicht alle zum Schlechten – es gibt aufmerksame, neugierige Gäste, die mit ihren Bewertungen echtes Handwerk sichtbar machen. Aber es gibt auch jene Rezensionen, in denen der „Vibe" als Urteilskriterium gilt, während der handwerklich perfekte Fond auf dem Teller gar nicht erst wahrgenommen wird.
Das ist keine Verschwörung – das ist eine Verschiebung. Früher war Restaurantkritik ein Handwerk mit eigenem Vokabular. Heute ist sie demokratisiert. Das hat Vorteile. Es hat auch Kosten.
Der Preis zahlt sich nicht immer sofort aus. Aber ein Koch, der jahrelang an seiner Technik gearbeitet hat, spürt ihn, wenn eine vernichtende Bewertung kommt –nicht wegen der Küche, sondern wegen des Lichts im Gastraum.
Was echter Genuss bedeutet
Ich erinnere mich an eine Stammgästin, die seit Jahren regelmäßig kommt. Vor einigen Monaten bestellte sie ein Gericht, das wir kaum auf der Karte bewerben: ein klassisch geschmortes Stück, mit einer Reduktion, für die wir zwei Tage brauchen. Kein besonderes Anrichten, kein besonderer Moment.
Sie aß langsam. Sagte wenig. Am Ende rief sie mich an den Tisch und fragte, was in der Sauce sei.
Das ist der Moment, für den man kocht.
Nicht für das Foto. Für die Frage.
Gutes Kochen ist kein Theater. Es ist Schweiß, Präzision und eine art stille Überzeugung, dass Geschmack der wichtigste Sinn ist – und der am meisten unterschätzte. Ein Teller muss schmecken, wenn man die Augen schließt. Wenn er nur funktioniert, wenn man durch eine Linse schaut, dann ist etwas verloren gegangen.
Mehr Respekt vor dem Handwerk – in beide Richtungen
Wir brauchen keine Rückkehr in eine romantisierte Vergangenheit. Die Küche war früher nicht besser, nur anders. Aber wir brauchen eine Verschiebung der Aufmerksamkeit: weg vom Bild, hin zum Biss.
Das gilt für Gäste: Legt das Telefon kurz weg. Riecht den Dampf. Schmeckt die Arbeit. Gebt dem Essen die dreißig Sekunden, die es verdient, bevor es kalt wird.
Und es gilt für uns Köche: Hört auf, ausschließlich für die Kamera anzurichten. Ein Gericht, das auf dem Teller atmet und im Mund überzeugt, braucht keinen Filter. Es braucht einen Gast, der versteht, was er da gerade kaut – und den zu finden ist auch unsere Aufgabe.