Wenn die Flamme erlischt: Wer bist du ohne deine Messer?
Zieh die Jacke aus – und bleib wer.
Wer bist du eigentlich, wenn der letzte Bon gedruckt ist?

Wir alle kennen diesen Moment: Der letzte Bon ist durch, das Adrenalin ebbt langsam ab und du bist in der Umkleide. Du ziehst die weiße Jacke aus, die steif ist vom Schweiß und dem Fett des Abends.
In diesem Augenblick passiert etwas Seltsames: Viele von uns fühlen sich plötzlich leer – als würde mit der Uniform auch der Sinn des Lebens im Spind verschwinden.
Wir definieren uns über den Pass, über die Hitze, über den Schmerz in den Waden. Aber mal ganz ehrlich unter Kollegen: Wenn das alles ist, was du hast, dann hast du ein Problem.
Die Falle der totalen Hingabe
In unserer Branche gilt es fast als Ehrenkodex, sich komplett aufzuopfern. Wer als Erster kommt und als Letzter geht, gilt als Held. Doch diese vermeintliche Leidenschaft ist oft nichts anderes als eine schleichende Selbstaufgabe.
Wir verwechseln das „Brennen für die Sache“ zu oft mit dem „Sich-verheizen-Lassen“.
Die harte Wahrheit
Wenn dein gesamter Wert als Mensch davon abhängt, ob das Soufflé heute Stand hatte oder wie schnell du den Posten gerockt hast, begibst du dich auf verdammt dünnes Eis.
Denn was passiert, wenn die Knie nicht mehr mitmachen? Wenn der Laden schließt? Wer bleibt dann übrig? Ein Koch ohne Identität ist wie eine Reduktion ohne Fond: Da ist keine Tiefe, nur verbrannter Boden.
Inspiration entsteht nicht am Herd
Wir reden ständig von Kreativität. Wir wollen das „nächste große Ding“ auf den Teller bringen. Aber woher soll das kommen, wenn deine Welt nur aus Edelstahl und Kacheln besteht?
Die besten Ideen entstehen nicht, während du zum zehnten Mal die gleiche Schalotte würfelst. Sie entstehen: Wenn du im Wald stehst und den Regen riechst. Wenn du in einer Bar ein Gespräch belauschst. Wenn du ein Buch liest, das absolut nichts mit Gastronomie zu tun hat.
Wir müssen raus. Wir müssen die Welt einatmen, um sie später auf den Teller zu bringen. Wer nur in der eigenen Suppe schwimmt, wird niemals ein neues Rezept für das Leben finden.
Authentizität: Die Zutat, die man nicht kaufen kann
Gäste merken heute sofort, ob ein Koch einfach nur Handwerk abliefert oder ob eine echte Persönlichkeit dahintersteht. Authentizität ist das neue Gold. Aber du kannst nicht authentisch sein, wenn du nur eine Rolle spielst – die Rolle des „harten Kochs“.
Ein Mensch, der Hobbys hat, der Schwächen zugibt und ein Leben jenseits der Schicht führt, bringt eine ganz andere Energie in sein Team. Diese Nahbarkeit kommt nicht von der Arbeit allein. Sie kommt davon, dass man weiß, wer man ist, wenn man eben nicht kocht.
Fazit: Zieh die Jacke aus – und bleib wer
Kollegen, versteht mich nicht falsch: Ich liebe dieses Handwerk. Aber wir müssen lernen, die weiße Kochjacke als das zu sehen, was sie ist: Werkzeug. Nicht unser gesamtes Ich. Wenn wir anfangen, uns selbst als Menschen wichtiger zu nehmen als das nächste Mise en Place, werden wir nicht nur bessere Köche – sondern glücklicher.
Und am Ende schmeckt man das. Versprochen.