Die Jacke ist Werkzeug

Er war vierzig, als der Laden zumachte. Zwei kaputte Knie, zehn Jahre ohne einen freien Tag, den er genommen hätte. Urlaub stand ihm zu, er nahm keinen. Sonntags kam er in die Küche, auch wenn geschlossen war. Er putzte Bleche, die sauber waren, schliff Messer, die schnitten, ordnete den Gewürzschrank nach einem System, das nur er verstand.


Am Tag nach der Schließung saß er zu Hause und wusste nicht, was man mit einem Sonntag macht. Er hat es mir später erzählt, an einem Küchentisch, der nicht seiner war, mit Kaffee aus einer Maschine, die er nicht bedienen konnte. Nicht als Klage. Eher so, wie man erzählt, dass man eine Sprache vergessen hat, die man nie außerhalb eines einzigen Raums gesprochen hat.

Ich kenne die Umkleide nach dem letzten Bon. Die Jacke hängt steif im Spind, Schweiß und Fett vom Abend, der Geruch nach Gas und gebratenem Knochen, ein dünner Film aus allem, was an diesem Service durch die Luft ging. Man steht davor, die Hände noch taub vom Wechsel zwischen Backofen und Spülbecken, und für einen Moment ist nichts. Keine Nächste, keine Karte, kein Pass, keine Anweisung. Einige fahren dann nach Hause und schlafen zwölf Stunden. Einige gehen noch einen trinken und reden über den Service, als wäre er nicht vorbei. Einige öffnen die Spindtür am nächsten Morgen und sind erleichtert, dass die Jacke noch da ist, weil sie sonst nicht wüssten, wohin mit sich.


In Küchen, in denen ich gearbeitet habe, galt einer als guter Koch, der nie krank war. Einer, der zwei Stunden vor Service da war und zwei Stunden nach Feierabend noch blieb, ohne das aufzuschreiben. Wer Urlaub nahm, musste sich rechtfertigen. Nicht beim Chef. Bei den Kollegen. „Was, zwei Wochen? Am Stück?“ Die Frage war rhetorisch. Die Antwort war schon, dass du sie dir überhaupt stellen lassen musstest.

Ich war auch einmal einer, der nicht wusste, was ein Sonntag ist. Irgendwann, ich weiß das Jahr nicht mehr genau, habe ich an einem freien Tag zum ersten Mal seit Monaten gemerkt, dass ich Hunger habe, ohne zu wissen, was ich essen will. Das war das Signal. Nicht die Knie, nicht der Rücken. Dass ich mir selbst nichts mehr kochen konnte, weil ich nur noch für andere gekocht hatte. Das ist lange her.

Vor ein paar Jahren bin ich im Oktober eine Stunde durch einen Wald gelaufen, den ich nicht kannte. Feuchtes Laub, Buchen, etwas Morsches darunter, der Geruch von Pilz, bevor man ihn sieht. Kein Projekt, kein Notizbuch. Zwei Wochen später stand ein Hirschbraten auf der Karte, in Rotwein geschmort, mit Wacholder, Piment, einer langen Reduktion, die genau diesen Moment hatte, das Morsche, das Warme, das Dunkle. Die Gäste wussten nicht, was der Teller erzählte. Aber er erzählte, und das merkten sie. So ein Gericht schreibst du nicht in der Küche. Du bringst es mit.


Es gibt die anderen. Die, für die es funktioniert hat. Einer, den ich kenne, ist achtundsechzig und steht immer noch fünf Tage die Woche am Herd. Jeden Morgen zu Dienstbeginn geht er ans Tellerréchaud, nimmt sich eine Suppentasse heraus, trägt sie auf seinen Posten, gießt sie voll mit rotem Küchenwein und trinkt sie in einem Zug leer. Dann kann der Tag beginnen. Drei Ehen, keine Zweifel. Er würde diesen Text nicht lesen. Er hat recht, für sich. Die Frage ist nur, ob das ein Modell ist oder eine Ausnahme, und wie man das erkennt, bevor die Knie kaputt sind.


Die weiße Jacke ist Werkzeug. Sie ist nicht Persönlichkeit, sie ist nicht Identität, sie ist Stoff mit Knöpfen und einem Schnitt, der Hitze aushält. Wer sie trägt, leistet ein Handwerk. Wer sie ist, entscheidet sich woanders.


Irgendwo hängt sie im Spind und wartet. Die Frage ist, was du tust, solange sie dort hängt.


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