Was Leben am Herd mit einem macht

Zwischen Hitze, Haltung und Geiz

Das rechte Knie ist seit fünfzehn Jahren morgens steif. Es gibt erst nach einer halben Stunde nach. Der Rücken fühlt sich nach einer Doppelschicht an, als hätte jemand die Wirbel einzeln zusammengestaucht. Die Hände tragen Narben, die man nicht mehr zählen kann, weil sie ineinanderübergehen. Irgendwann hörst du auf, dich über den Schmerz zu wundern. Du nimmst Ibuprofen vor der Schicht, nicht danach. Vier Jahrzehnte Herd verändern dich körperlich, bevor sie dich innerlich verändern.


Viele sprechen vom Fachkräftemangel in der Gastronomie, als wäre er ein Naturgesetz. Er ist keines. Er ist hausgemacht. Und wer das verstehen will, muss in die Küche. Nicht als Gast. Als jemand, der dort arbeitet.

Ich stehe seit über vier Jahrzehnten am Herd. Nicht, weil mir nichts anderes eingefallen wäre. Sondern weil ich dort gelernt habe, was echt ist. Was Körper, Charakter und Haltung wirklich bedeuten. Was es kostet, täglich Perfektion zu erarbeiten, in engen Räumen, bei zu wenig Schlaf, für zu wenig Geld.

Der Körper erinnert sich, bevor er Kopf es tut. Küchen riechen, als hätten sie etwas erlebt. Morgens nach Kräutern, Brot und Brühe. Abends nach Erschöpfung, Salz und Seife. Nach Zitrone, Zwiebelhaut, verbrannter Butter. Manchmal nach Verzweiflung. Manchmal nach Triumph. Ich kenne diese Gerüche wie andere ihre Kindheit kennen. Sie haben sich in mich eingegraben.


Die Küche ist kein Arbeitsplatz im bürgerlichen Sinne. Sie ist Prüfung, Zirkus, manchmal Zufluchtsort. Hier gelten eigene Gesetze: Druck, Schweiß, Hierarchie, Müdigkeit. Du lernst, mit Fehlern zu leben, die keiner bemerkt, die dich aber innerlich auffressen. Du lernst, dass dein Wert an Sekunden hängt. An der Temperatur des Fleisches. An der Klarheit des Fonds. An der Ruhe, mit der du im Sturm arbeitest. Perfektion ist kein Zustand. Sie ist ein Moment. Ein Teller, der stimmt, bevor er kalt wird. Wer das nie erlebt hat, versteht nicht, warum Köche so sind, wie sie sind.

Was die Gesellschaft sieht, ist das Ergebnis, nie der Weg. Gäste sehen ein Gericht, nicht die Stunden. Sie schmecken eine Sauce, nicht die Arbeit. Zwischen Herd und Tisch liegt eine Flut aus Organisation, Druck und Erwartung: unsichtbar, selbstverständlich, billig.


Billig. Das ist das richtige Wort. Die Gastronomie ist eine der wenigen Branchen, in der Geiz gesellschaftlich toleriert, ja erwartet wird. Der Gast, der über einen Tellerpreis von 28 Euro die Augenbraue hebt, will Handwerk, Frische, Nachhaltigkeit, aber nicht den Preis, den diese Dinge kosten. Und wer das System am Laufen hält, sind keine Stars. Es sind die Azubis, die Küchenhilfen, die Spüler. Das Rückgrat, das nicht klagt.

Ich habe gesehen, wie ein junger Koch mit glänzenden Augen begann. Wie er sechs Tage die Woche stand, lernte, wuchs. Wie er nach drei Jahren seinen Küchenchef fragte, ob er mehr verdienen könnte. Die Antwort lautete: „Du machst das doch aus Leidenschaft.“ Das sagte ein Mann, der selbst einmal so angefangen hatte. Der es besser wissen musste. Der den Satz trotzdem sagte, weil er ihn selbst gehört hatte, damals, von seinem Küchenchef.


So funktioniert dieses System: Es gibt seine Härte weiter, Generation für Generation, und nennt es Tradition.

Der junge Koch hat die Küche verlassen. Heute arbeitet er im Lager eines Onlineversandhändlers. Zehn Euro mehr pro Stunde. Geregelte Zeiten. Kein Lob, aber auch keine Märchen. Leidenschaft ist kein Lohn.


Was bleibt, wenn die Jungen gehen? Was nach vier Jahrzehnten zählt, zeigt sich nicht in großen Worten. Respekt zeigt sich am Messergriff. Beim Putzen eines Lauchs. Daran, wie du eine Petersilienwurzel schälst, die ein anderer weggeworfen hätte. Im Ton, in dem du jemanden anweist. In der Art, wie du Lob gibst, oder schweigst. Aber genau das, diese stille Sorgfalt, ist das, was die Küche am wenigsten belohnt.

Das System honoriert anderes: Tempo, Gehorsam, Ausdauer. Wer bleibt, bleibt, weil er darin etwas Echtes gefunden hat: Rhythmus, Ehrlichkeit, ein Handwerk, das man spürt. Aber „Echtes finden“ ist kein Argument gegen faire Bezahlung. Es ist ein Zugeständnis, das Arbeitgeber schon zu lange ausnutzen.


Es gibt Momente am Ende eines Abends, wenn das Licht gedimmt ist und man die Reste vom Pass isst, in denen alles still wird. Man denkt an den Tag. An das Lachen, die Fehler, den einen Teller, der wirklich saß.

Viele sprechen dem Gewerbe die Zukunft zu, solange sie selbst nicht darin arbeiten müssen. Das ist die eigentliche Krise. Nicht der Fachkräftemangel. Der ist nur das Symptom. Die Ursache ist älter und unangenehmer: Eine Gesellschaft, die Genuss will, aber die Bedingungen seines Entstehens nicht bezahlen möchte.

Wer das nächste Mal über einen Preis auf der Speisekarte nachdenkt, sollte kurz daran denken: Irgendwer hat dafür den Wecker um vier gestellt. Und ist aufgestanden.


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