Märkte, überall

Warum Märkte sich auf der ganzen Welt ähnlich sehen, und doch nirgendwo dasselbe bedeuten

Der Mercado Central von Santiago riecht nach Meer, nach Chlor und nach Inszenierung. Die Fischstände sind arrangiert. Die Krabben liegen so, dass sie von oben gut fotografierbar sind. Die Muscheln türmen sich in Pyramiden, die kein Händler baut, der einfach nur verkaufen will.


Über den Auslagen hängt eine schmiedeeiserne Halle aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, eine Geste an die industrielle Moderne. Heute ist sie Kulisse für Reisegruppen, die zwischen den Ständen fotografieren und in den Restaurants in der Mitte Congrio essen.

Ein paar Hundert Meter entfernt, jenseits des Río Mapocho, liegt die Vega Central. Dort kaufen die Köche der Stadt ein, die Hausfrauen, die Restaurantbetreiber. Dort gibt es keine Pyramiden. Ich habe sie vom Flussufer aus gesehen, nicht betreten. Als Tourist musste ich mich entscheiden. Beide Märkte zugleich gehen nicht, jedenfalls nicht gründlich. Das eine sieht man, weil es Theater ist. Das andere sieht man nicht, weil man die Schwelle nicht überschreitet.


Diese Doppelung ist der Anfang. Märkte sind die älteste Form, in der Menschen sich versorgen, die sie nicht selbst herstellen. Die Form ist überall dieselbe: jemand bringt etwas, jemand prüft es, jemand bezahlt, jemand trägt es weg. Diese vier Schritte funktionieren in Lagos genauso wie in Lyon. Aber die gleiche Form trägt verschiedene Sätze. Was als Frische gilt, was als Qualität, was als Schande, das ist überall verschieden. Die Form ist universell. Die Sprache ist lokal. Vier Märkte, vier Sätze in dieser Sprache.


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Der Djemaa el-Fna in Marrakesch ist kein Markt. Er ist eine Arena. Rauch von Holzkohlegrills zieht quer über die Fläche. Dampf steigt aus Garständen auf, an denen Schnecken in gewürzter Brühe kochen. Zwischen den Ständen laufen Katzen, mager und schnell, die unter den Plastikstühlen auf Knochen warten. Die Luft riecht nach verbranntem Fett, nach Minze, nach dem trockenen Staub, der abends über die Stadt kommt.

Wer hier essen will, muss sich entscheiden, an welchen Tisch er sich setzt, und die Entscheidung wird ihm streitig gemacht. Jeder Wirt ruft, jeder verspricht. Wenn man sitzt, kommt das Essen schnell. Es ist heiß, einfach, gut. Niemand fragt, ob man zufrieden ist. Die Rechnung wird verhandelt, manchmal stillschweigend nach oben korrigiert, und der Streit darüber ist Teil des Geschäfts.

Hier ist kein Bruch zwischen Versorgung und Schauwert. Beides geschieht auf derselben Fläche, am selben Stand, im selben Moment. Die Touristen essen, die Marokkaner essen, die Katzen warten. Die Inszenierung ist nicht über die Versorgung gelegt, sie ist mit ihr verschmolzen. Das ist ein Zustand, den europäische Märkte einmal hatten und dann verloren haben.


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Tokio, der Tsukiji-Außenmarkt. Hier lag, als ich dort war, bei Aritsugu auf dem Tresen ein Yanagiba, das jemand zum Schärfen gebracht hatte. Die Klinge alt, die Schneide ungleichmäßig abgetragen, das Zeichen eines Messers, das täglich benutzt wird. Der Mann hinter dem Tresen drehte es einmal um, sagte nichts, legte es beiseite.

Tsukiji ist seit dem Umzug des Großmarkts nach Toyosu eine andere Stelle als früher. Wer morgens durch die engen Gassen des Außenmarktes geht, begegnet einer Kundschaft, die sich von der, die hier früher eingekauft hat, deutlich unterscheidet. Chefköche, Restaurantbetreiber, Händler sind nicht verschwunden, aber sie sind zur Minderheit geworden. Stattdessen: Reisegruppen mit Audioguides, Pärchen mit Kameras, Foodblogger mit Stativen. An den Ständen liegen Tamagoyaki am Spieß, Uni in kleinen Holzschachteln, Maguro in Don-Schalen. Die Ware ist gut. Die Preise sind die einer Stadt, die weiß, dass die Kundschaft zahlt.

Aber Aritsugu ist Aritsugu geblieben. Das Messer auf dem Tresen war kein Touristenobjekt. Es war ein Werkzeug, das gebraucht wird. Das ist die Sprache, die der Tsukiji-Außenmarkt heute spricht: die Kulisse drumherum, der Kern in der Mitte. Beides existiert in derselben Gasse, ohne sich gegenseitig zu beschädigen.


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São Paulo, der Mercado Municipal. Das Erste, was auffällt, ist die Ordnung. Keine kleinliche, sondern eine, die aus Funktion entsteht. Fischstände, Fleischtheken, Obstauslagen, Gewürze, Trockenwaren. Jeder Bereich hat seinen Platz, und die Wege dazwischen sind breit genug, dass das Schieben und Stehen sich nicht ins Gehege kommen.

Im Erdgeschoss arbeiten die Obstverkäufer mit der ältesten Verkaufstechnik, die es gibt: dem Probierhäppchen. Eine Scheibe Mango auf der Spitze des Messers, ein Stück Caqui, eine Maracujahälfte, ausgelöffelt im Vorbeigehen. Wer probiert, kauft selten nicht. Eine Treppe höher, auf dem Balkon, sitzen die Touristen vor Pastéis de Bacalhau und Mortadella-Sandwiches, die so hoch belegt sind, dass sie nicht in einen Mund passen. Die Sandwiches sind das Markenzeichen geworden. Sie stehen in jedem Reiseführer.

Der Mercadão ist beides zugleich, in einem Gebäude. Das Erdgeschoss versorgt, der Balkon inszeniert. Die Treppe dazwischen ist die Schwelle, die in Santiago zwischen zwei Märkten und einem Fluss liegt. Hier ist sie auf zwanzig Stufen geschrumpft. Wer oben sitzt, weiß meistens nicht, was unten passiert.


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Vier Märkte, vier verschiedene Sätze in derselben Sprache.

In Santiago liegen Versorgung und Inszenierung räumlich getrennt, durch einen Fluss und eine Schwelle, die der Tourist nicht überschreitet. In Marrakesch sind sie noch nicht getrennt, weil sie nie getrennt waren. In Tokio koexistieren sie in einer Gasse, ohne sich gegenseitig zu zerstören. In São Paulo liegen sie übereinander, getrennt durch eine Treppe.

Es ist verlockend, daraus eine Geschichte zu machen: erst die ungeteilte Form, dann der Bruch, am Ende die touristische Bühne. Aber die Märkte stehen nicht in dieser Reihenfolge. Sie stehen nebeneinander, in derselben Welt, zur selben Zeit. Was sich verändert, ist nicht die eine universelle Bewegung von Authentizität zu Inszenierung. Was sich verändert, ist die Art, wie jede Stadt mit der Doppelnatur des Marktes umgeht, der immer beides war: ein Ort der Versorgung und ein Ort der Selbstdarstellung.


Wer das ignoriert, hält die Vega für ehrlicher als den Mercado Central. Das ist sie nicht. Sie ist anders. Sie zeigt eine andere Seite derselben Stadt, eine, die nicht für den Fremden gemeint ist. Aber beide Märkte gehören zu Santiago. Beide versorgen, mit verschiedenen Dingen, verschiedene Menschen.

Märkte sind die niedrigste Schwelle ins Fremde. Sie funktionieren, bevor man die Sprache spricht, weil ihre Grammatik universell ist. Was sie zeigen, wenn man dasteht und genau hinsieht, ist nicht der eine wahre Markt, den es zu retten gilt, gegen die touristische Verfälschung. Was sie zeigen, ist eine Stadt, die ihre eigene Sprache spricht, und in dieser Sprache erzählt, wie sie sich selbst sieht und wie sie gesehen werden will.

Manchmal sind das zwei verschiedene Sätze. Manchmal ist es derselbe.